Zeugnisausgabe – für viele ein schwarzer Tag
Falls Sie das Gefühl haben, ihr Kind hinkt sehr hinter den Mitschülern her oder fühlt sich schon länger überfordert, sollte natürlich dringend das Gespräch mit den Lehrern gesucht werden. Von dort können auch außerschulische Beratungsstellen, wie der schulpsychologische Dienst kontaktiert werden. Vielleicht ist eine spezielle Diagnostik erforderlich oder der Wechsel der Schulform. Auch Familienberatungsstellen bieten Hilfe, Jugendliche können sich auch selbst an eine Telefonhotline des Kinder- und Jugendtelefons wenden.
Im deutschen Schulsystem werden die Kinder wohl so schnell nicht um Noten herum kommen. Der derzeitige Trend geht sogar zu noch mehr Noten im noch jüngeren Alter. Politiker und auch viele Eltern sind davon überzeugt, dass die Kinder Noten brauchen und wollen. Viele pädagogische Studien, die zum Thema „Noten“ durchgeführt wurden, zeigen jedoch ein anderes Bild.
Ziffernnoten suggerieren Objektivität, dabei stehen sie durchaus auf wackeligen Beinen. So weichen beispielsweise die Maßstäbe in verschiedenen Klassen oft erheblich voneinander ab. Ein Schüler bekommt für seine Erdkundearbeit in Klasse A eine 2 und in Klasse B nur eine 3-. Selbst wenn der gleiche Lehrer nach einiger Zeit die gleiche Arbeit noch einmal neu bewerten soll, ergeben sich Abweichungen von der zuerst gegebenen Note. Verschiedene Untersuchungen und auch die Tatsache, dass sie in vielen anderen Ländern längst abgeschafft wurden (und diese Länder stehen besser da), widerlegen die Vermutung, Kinder würden sich ohne Noten nicht anstrengen. Noten geben weder eine klare Rückmeldung über eine Leistung, noch lassen sich damit späterer Schul- oder Berufserfolg vorhersagen. Auch jemand, der mit einem Notendurchschnitt von 3,5 die Schule verlässt, kann später noch Professor werden.
Alternativ zu den herkömmlichen Ziffernnoten, sind Entwicklungsberichte denkbar, die ausführlich dokumentieren, wie sich der Schüler im vergangenen Schuljahr in den entsprechenden Lernbereichen weiter entwickelt hat, wo Stärken oder (noch) Schwächen liegen. Reformschulen gehen noch weiter und lassen die Lernenden selbst eine Dokumentation von Leistungsnachweisen in einem Portfolio erarbeiten und zusammenstellen. So hat der Schüler die Möglichkeit sich selbst zu präsentieren und kreativ darzustellen.
Da Noten in unseren Breiten im allgemeinen als unantastbar angesehen werden, kommen uns die negativen Effekte, die mit ihnen verbunden sind, oft gar nicht in den Sinn. Es entsteht in der Klasse anhand der einfachen Ziffern schnell eine Rangliste. Konkurrenz herrscht allenthalben und wird mit dem freundlicheren Begriff Wettbewerb geschönt. Auf die Schüler mit den schlechteren Noten wirkt das wie ein großer Druck. Angst und Druck sind jedoch keine guten Gefühle, wenn es um das Lernen geht. Zwar hat so mancher die Erfahrung gemacht, mit ein bisschen Druck besser lernen zu können. Die so gelernten Informationen werden jedoch auch leichter wieder „vergessen“. Positive Gefühle dagegen fördern das Lernen und Erinnern. Es ist also eigentlich gar nicht so schwer, Schule so zu gestalten, dass Lernen positiv erlebt wird. Konzepte dazu gibt es genügend. Wer aber in erster Linie auf das Aussortieren von Schülern setzt, wird sicher weiter auf die Ziffernnoten stützen – immer noch die effizienteste Methode.
Wenn also der Sohn oder die Tochter in ein paar Tagen mit einem nicht so glänzenden Zeugnis nach Hause kommt, lassen Sie sich davon die Ferien nicht vermiesen. Wer nicht so gut in Mathe ist, kann vielleicht gut singen, wer sich durch Aufsätze quält, trifft dafür mit jedem Ball den Korb. Kinder haben viele Talente und in den Ferien haben sie endlich mal Zeit dafür.
Für Kinder und Jugendliche gibt es kostenlose Hilfe beim Kinder- und Jugendtelefon: 0800 1110333.
Eltern können sich an eine Erziehungsberatungsstelle wenden. Adressen unter http://www.bke.de/ oder an den Bundeselternrat http://www.bundeselternrat.de/.
von Michaela Braun
Bildquelle: © GaToR-GFX - Fotolia.com
zurück
ausdrucken
weiterempfehlenWeitere Einträge der Kategorie:
„Fang endlich an!“ „Trödel nicht so rum!“ Hast du das immer noch nicht kapiert?“ Diese und ähnliche Stoßseufzer werden in vielen Familien nach den ...
>> mehr
Haben Sie das auch schon erlebt, dass Sie in einem Vortrag sitzen, der Redner nur spricht, es nichts anzuschauen gibt und Sie sich trotz aller Motivation nichts merken können? Dann sind Sie ...
>> mehr
Paulas Mutter ist genervt. Jeden Nachmittag spielen sich in der Familie der Fünftklässlerin Dramen ab. Während Paula lustlos an ihrem Füller kaut und sich im Schneckentempo durch ...
>> mehr
Spaß und Entspannung dürfen in den Ferien nicht zu kurz kommen, der Start ins neue Schuljahr soll aber gut gelingen. Was kann Ihr Kind tun, damit es mit Mathe und Co. im neuen Schuljahr ...
>> mehr
von Michaela Braun Die Sommerferien stehen vor der Tür! Doch, wie eh und je, stehen einigen Kindern und den Eltern schwere Tage ins Haus. Auch wenn die Noten meistens einigermaßen ...
>> mehr
von Michaela Braun In den letzten Wochen war viel zu lesen über Rudolf Steiner, denn am 27. Februar 2011 jährte sich sein Geburtstag zum 150. Mal. Viele mögen dem Gründer ...
>> mehr
Mit die beste Therapie gegen Legasthenie ist der Willen zum Erfolg. Doch der stellt sich nur ein, wenn das Kind nicht resigniert. Versagensängste, Frust, Wut und Minderwertigkeitsgefühle ...
>> mehr
Gastfamilien werden künftig stärker kontrolliert.Ein Schuljahr in den USA ist der Traum vieler deutscher Jugendlicher. Knapp 10.000 Schülerinnen und Schüler sind in diesem Jahr zu ...
>> mehr
Paulas Mutter ist genervt. Jeden Nachmittag spielen sich in der Familie der Fünftklässlerin Dramen ab. Während Paula lustlos an ihrem Füller kaut und sich im Schneckentempo durch ...
>> mehr
Definition1845 beschrieb ein Frankfurter Nervenarzt zum ersten Mal die Zeichen des „Zappelphilipp-/Struwwelpeter-Syndroms“.ADHS gehört zu den häufigsten psychiatrischen ...
>> Was ist das Aufmerksamkeitsdefizit ?






