Wie Babys die Welt entdecken

Es ist noch gar nicht so lange her, da galten Neugeborene vor allem als niedlich. Säuglingen wurden keinerlei Fähigkeiten als instinktive Reaktionen auf Hunger, Wärme, Kälte und sonstiges Unbehangen zugesprochen. Man unterstellte ihnen, dass sie in den ersten Wochen nichts anderes wahrnehmen könnten, als ein verschwommenes Licht- und Schattenspiel. Dank neuerer Untersuchungsmethoden wandelt sich dieses Bild seit ein paar Jahren. Aus dem niedlichen, passiven Baby ist der kompetente Säugling geworden (geprägt wurde dieser Begriff von dem Entwicklungspsychologen Martin Dornes).
Noch vor Jahren wurde angenommen, dass sich kindliches Denken und Wahrnehmen stufenweise in den ersten vier Lebensjahren entwickelt. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass schon in den ersten Monaten vielmehr passiert als bisher angenommen wurde. Bereits gegen Ende des ersten Lebensjahres hat sich erstes kindliches Wissen über die Welt entwickelt. Das Baby lernt in enger Interaktion mit seiner Umgebung und in Kommunikation mit seinen Eltern und anderen Familienmitgliedern. Um die erstaunlichen Fähigkeiten der ganz Kleinen soll es im Folgenden gehen.
Schon Neugeborene haben viel weiter reichende Fähigkeiten als bisher angenommen wurde. Sie können einen runden Gegenstand von einem eckigen unterscheiden und ein natürliches Gesicht von einem, bei dem Nase und Augen falsch angeordnet sind. Außerdem hören sie die mütterliche Stimme aus verschiedenen anderen Stimmen heraus, was ihnen auch bis vor ein paar Jahren noch nicht zugetraut wurde.
Die Fähigkeiten von Babys gehen aber noch weit über das reine Wahrnehmen hinaus. Sie können beispielsweise Tiere von unbelebten Objekten wie Möbeln oder Fahrzeugen unterscheiden und nutzen das Wissen, das sie über ein Mobile erworben haben, bei der Erkundung eines neuen Mobiles. Befestigt man beispielsweise ein Band am Fuß des Babys, das mit dem Mobile verbunden ist, wird der Säugling mit der Zeit bemerken, dass er das Mobile bewegen kann. Wird dann das Band am anderen Fuß befestigt, wird er nach einer Weile bemerken, dass er nun den anderen Fuß bewegen muss, um das Mobile zu verändern. Auch ganz grundlegende physikalische Erwartungen – beispielsweise die, dass ein Ball nicht durch eine Mauer rollen kann – sind bereits mit drei oder vier Monaten vorhanden.
Forscher, die sich mit der Gehirnentwicklung beschäftigen, diskutieren derzeit noch über die Frage, ob der Säugling solche Dinge sehr früh lernt oder ob es sich um angeborenes Wissen handelt.
Beim Entdecken der Welt spielen die Eltern eine große Rolle. Sie bieten visuelle und akustische Reize an und machen auf Dinge aufmerksam. Auch für die Klärung neuer ungewohnter Situationen sind die vertrauten Erwachsenen zuständig. Taucht etwas Neues auf, schaut das Kind auf Mutter oder Vater und liest an ihrem Gesichtsausdruck ab, ob dort eine Aufmunterung, Bestätigung oder Warnung zu sehen ist. Je nachdem wie die Eltern reagieren, wird das Kind sich dem Neuen zuwenden oder abwenden. Dieser Informationsaustausch ist wichtig und macht es notwendig, dass Eltern für das Kind ansprechbar und zugewandt sind.
Eine wichtige Voraussetzung für das Lernen ist die „Aufmerksamkeit“. Immer mehr Kinder scheinen von einem ADS – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom – betroffen zu sein. Tatsächlich gibt es schon im Babyalter Symptome für Aufmerksamkeitsstörungen. Beispielsweise sind Babys, die zu früh in eine Sitzposition gebracht werden, mit viel mehr Reizen konfrontiert als Babys, die sich im Liegen mit ihren Händen und Füßen beschäftigen. Schon bei ganz kleinen Babys lässt sich erkennen, ob sie aufmerksam sind oder nicht. Sie schauen hin und wenden den Blick ab, wenn es ihnen zuviel wird. Diese Aufmerksamkeitsspanne ist zunächst nur zwei oder drei Minuten lang. Wenn sie eine Stimme hören, sich etwas bewegt oder hell ist, wendet sich das Baby dem zu, tastet das Bild mit Augen oder Händen ab. Danach wendet es sich wieder ab. Die Aufmerksamkeitsspanne steigt, wenn Kinder dann bemerken, dass sie selbst etwas bewegen können. Eltern, die ihr Baby zu lange bespielen, blockieren bei ihm ungewollt die Motivation selbst dran zu bleiben. Das Kind konsumiert das Spiel der Eltern und wartet immer wieder auf neue Reize. Es ist also wichtig, dem Baby nicht immer sofort etwas Neues zum Spielen zu holen, sondern ihm Zeit zu lassen, die gemachten Erfahrungen auch zu verarbeiten. Eltern brauchen eine besondere Feinfühligkeit, um zu erkennen, was das Baby in welchem Moment braucht.
Schwierig wird das beispielsweise dann, wenn Mütter nach der Geburt an einer Depression leiden. Diese Mütter können sich nicht voll dem Kind zuwenden können. Die Babys reagieren mit Angst und erhöhten Stresshormonen, wenn die Mütter sich ihnen nur halb zuwenden. Sie spüren es, wenn die Mutter sich nur mit dem Oberkörper zu ihnen dreht, den Unterkörper aber abwendet. Oft versuchen solche Mütter ihr mangelndes Vermögen, dem Kind Aufmerksamkeit zu schenken, mit besonders viel Spielzeug zu kompensieren. Das Kind wendet sich dann ab, weil es der Überstimulation entgehen will, die Mutter deutet dies als Ablehnung ihrer Person. So kann ein Teufelskreis entstehen. Mutter und Kind brauchen dann die Unterstützung durch andere Bezugspersonen oder professionelle Hilfe, um da wieder heraus zu finden.
Kinder lernen ihre Aufmerksamkeit auszudehnen und sich in etwas zu vertiefen, wenn sie nicht immer mit neuen Reizen konfrontiert werden, sondern die Chance haben, auch zwei oder dreimal den gleichen Gegenstand zu untersuchen. Kinder, die das früh lernen können, sind am besten gegen Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsprobleme geschützt. Eltern können sie dabei unterstützen, indem sie ihrem Kind wirklich ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, sich eine Weile gemeinsam versunken mit etwas beschäftigen und dem Kind dann Zeit lassen, diese Erfahrung zu verarbeiten.
Lernen ist immer auch mit Gefühlen verbunden. Amerikanische Entwicklungspsychologen fanden in einer großen Studie heraus, dass Kinder sehr früh und sehr genau auf das Familienklima reagieren. Gibt es Spannungen und Konflikte in der Familie steigt der Puls der sechs Monate alten Kinder. Auch wenn man es ihnen äußerlich nicht anmerkt, weil sie gefüttert und gewickelt werden, ist doch eine höhere Herzfrequenz bei Kindern in einem spannungsreichen Familienmilieu festzustellen. Diesen Kindern fällt es schwerer, über längere Zeit aufmerksam zu sein. Kinder, die voll zugewandte Eltern erleben, die sich intensiv mit ihnen beschäftigen, können sich dagegen auch besser selbst regulieren Sie können sich länger auf eine Sache konzentrieren und ihr inneres Gleichgewicht selbst wiederherstellen.
Die neuen Forschungen zeigen sehr deutlich wie wichtig die nächsten Bezugspersonen für das Baby sind. Sie haben nicht nur die Aufgabe, das Baby zu versorgen, es zu füttern und zu wickeln, sondern tragen auch eine Verantwortung für die geistige Entwicklung des Babys. Dabei geht es weniger darum, dem Kind möglichst früh eine Vielzahl von Anreizen zu geben, als vielmehr aufmerksam zu sein und feinfühlig auf die Bedürfnisse – auch nach in Ruhe gelassen werden – zu reagieren. Es wäre wünschenswert, wenn Mütter und Väter sich mehr Zeit nähmen, sich auf den Rhythmus des Babys einzustellen. So werden sie nach und nach erleben, dass sie erkennen, was das Baby mit welchen Äußerungen ausdrückt. Vielleicht werden sie sogar Zeuge seiner ersten Entdeckungen. Donata Elschenbroich schlägt in ihrem neuen Buch „Weltwunder. Kinder als Naturforscher“ vor, solche Beobachtungen für später festzuhalten. Das kann in einem Tagebuch geschehen oder in einer Art Brief für später. „Deine Lieblingsbeschäftigung war es, immer wieder nach der Fischrassel zu suchen…“
Michaela Braun und das kidnet
Bildquelle: © Michaela Brandl - Fotolia.com
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