Schreibabys

In den ersten Lebensmonaten tritt bei sonst gesunden Säuglingen häufig eine Unruhephase besonders in den Abendstunden auf, die bei manchen Kindern von einem unstillbaren Schreien begleitet wird. Dieses Phänomen, auch als Dreimonatskolik bezeichnet, verschwindet meist nach drei Monaten von selbst.

 

Bei einigen Säuglingen sind die Schreiphasen so ausgeprägt und lange anhaltend, dass die Eltern an ihre Grenzen stoßen. Epidemiologische Daten zeigen, dass sich jede achte Mutter in den ersten fünf Monaten von dem Schreien ihres Babys hoch belastet fühlt. Selbstzweifel, Übermüdung und ständiges Stressempfinden sind die Folgen bei den Eltern.

 

In Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie in Erziehungsberatungsstellen werden zu deren Hilfe sogenannte Schreisprechstunden u.ä. Hilfen angeboten. Schwierig ist es, das Phänomen des exzessiven Schreiens einzuordnen. Für die einen ist es eine vorübergehende zur normalen Entwicklung gehörende Phase, andere sehen die Ursache in einer mangelnden elterlichen Erziehungskompetenz, oder das unstillbare Schreien wird als Krankheitsbild mit der Diagnose "hypersensitiv" im Kontext eines säuglingspsychiatrischen Klassifikationssystems eingeordnet (Papousek, 1999).

 

In einer Studie, die im Rahmen der Münchner Schreisprechstunde gesammelte Daten veröffentlicht (Hofacker, 1999), zeigen sich interessante Ergebnisse, die weitere Ursachen für die Unruhe der Säuglinge zeigen und die Annahme von Kinderärzten, die nicht funktionierenden Verdauungsvorgänge seien Grund für die Unruhephasen, in Frage stellt. Erscheinungsbild Unruhephasen in den ersten Lebensmonaten gelten als normales Phänomen in der Kinderarztpraxis.

Epidemiologische Studien zeigen, dass 8-29% der gesunden Säuglinge unter unstillbarem Schreien und Unruhephasen leiden (Hofacker et al., 1999). Um den 7. bis 10. Lebenstag beginnt typischerweise die vermehrte Schrei und Unruheneigung und tritt verstärkt in den Abendstunden auf.

 

Während der ersten drei Lebensmonate schreien 40% aller Säuglinge am meisten in den Abendstunden zwischen 16.00 und 23.00 Uhr (Wolke, 1999). Meist wird dieser Zustand wie folgt beschrieben. Ohne erkennbaren Grund fängt der Säugling plötzlich an zu schreien, liegt hochrot und überstreckt mit hypertonen Extremitäten im Bettchen und lässt sich nicht beruhigen. Selbst intensive Versuche der Eltern das schreiende Kind zur Ruhe zu bringen, schlagen fehl.

 

Um die sechste Lebenswoche erreichen diese Unruhephasen ihr Maximum und nehmen danach allmählich wieder ab.

 

Bis zum vierten Lebensmonat reduziert sich die tägliche Schreidauer auf ca. eine Stunde (Wolke, 1999). Ein exzessiv schreiender Säugling als klinisches Problem ist nach der meist akzeptierten sogenannten Dreierregel von Wessel (1954) definiert.

 

Kinder, die in den ersten Lebensmonaten mindestens dreimal pro Woche, drei Stunden täglich innerhalb eines Zeitraums von drei Wochen schreien oder nörgeln, gelten demnach als pathologisch. Sinnvoll ist es klinisch von exzessivem Schreien zu sprechen, wenn Eltern die Unruhe und Schreineigung subjektiv als problematisch erleben und deswegen Hilfe suchen (Schmitt, 1985).

 

Bei Frühgeborenen zeigt sich ein vergleichbarer Verlauf, wenn vom korrigierten Alter der Säuglinge ausgegangen wird.

 

Auch bei Säuglingen in Naturvölkern lässt sich in den ersten Lebensmonaten eine vermehrte Unruheneigung in den Abendstunden nachweisen (Barr et al., 1987).

 

Allerdings ist das Phänomen der unstillbaren Unruhe oder gar des exzessiven Schreiens unbekannt. Largo (2001) gibt zu denken, dass der menschliche Säugling fast während der gesamten Menschheitsgeschichte herumgetragen wurde und in Kulturen, in denen der Säugling einen engen Körperkontakt zur Mutter oder anderen vertrauten Personen hat, das unspezifische Schreien unbekannt ist.
In einer Studie konnte gezeigt werden, das vermehrtes Herumtragen des Säuglings verteilt über den Tag (insgesamt drei Stunden) zu einer Verringerung der Schreiepisoden in den ersten Lebensmonaten führt (Hunzinger et al., 1986). Diese Beobachtungen lassen vermuten, dass altersspezifische psychosoziologische Reifungs- und Anpassungsprozesse der ersten Lebensmonate mit den Unruheneigungen zusammenhängen.

 

Ein Entwicklungsschub um den 2./3. Lebensmonat scheint mit dem allmählichen Abklingen der Schreiphasen parallel zu verlaufen. Kinderärzte vertrösten Eltern meist, dass das noch unreife Verdauungssystem für die "kolikartigen" Zustände verantwortlich ist und dies sich bis zum dritten Lebensmonat auswächst.

 

Neuere Untersuchungen stellen diesen Erklärungsansatz in Frage und zeigen, dass solche monokausalen primär somatisch orientierten Erklärungsansätze nicht ausreichen, um die Hintergründe des unspezifischen Schreiens der ersten Lebensmonate zu verstehen und angemessen therapeutische Hilfe zu leisten.

 

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Eure Laura





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