Schnuller und Flasche

Egal, ob Sie Ihr Baby gestillt haben oder nicht – das Thema „Saugen, Lutschen, Nuckeln“ ist für die meisten Einjährigen noch keineswegs vorbei. Siegmund Freud nannte das erste Lebensjahr (oder sagen wir die ersten 16 Monate) die „orale Phase“ (lat. „os“: der Mund). Weil der Mund in dieser Zeit das wichtigste Organ ist. Mit ihm wird nicht nur Nahrung aufgenommen, sondern er dient auch der Umwelterfahrung. Ein Säugling hat viel mehr Geschmacks-Papillen als Erwachsene und große Kinder. Daher reagieren Babys auch so empfindlich auf ungewohnte oder strenge Geschmacks-Richtungen, zum Beispiel Fencheltee. Und deswegen sind sie auch so begeistert von leicht gesüßter Milch, im Gegensatz zu der leicht säuerlichen Muttermilch. Ihr Baby hat die eigenen Geschmacks-Verstärker im Mund.

 

Sobald Kinder greifen gelernt haben und eine erste sogenannte „Auge-Hand-Koordination“ möglich ist, stecken sie alles in den Mund: Die eigene kleine Hand, in mühevollen Übungen gar die Zehen, jedes Spielzeug, Krümel vom Teppichboden, Steine vom Weg, Sand vom Spielplatz – oft sehr zum Leidwesen ihrer Eltern.

 

Der Spruch „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“ verkehrt sich hier ins Gegenteil: „Was ich nicht kenne, stecke ich in den Mund – und schon weiß ich, was es ist.“ Aber der Mund dient nicht nur der Lernerfahrung, sondern auch einer herrlich sinnlichen Lust. Ihr Kind schleckt und lutscht, sabbert und saugt, nuckelt und leckt. Es reibt sich lustvoll die Lippen an Mamas Brustwarzen oder am Sauger. Später lutscht es hingebungsvoll an Brezeln, Brotkanten, Spielzeug, Stofftieren. Sobald es aufstehen und laufen kann, bleiben auch Stuhllehnen, der Badewannenrand und das eigene Spiegelbild nicht von seinen nassen Zärtlichkeiten verschont.

 

Auch zur Beruhigung braucht Ihr Kind in dieser Zeit etwas im Mund. Intensive Saugbewegungen, der vertraute Geschmack und Geruch zum Beispiel des Schnullers, der Milchflasche, der eigenen angesabberten Hand, eines Schmusetuchs geben Trost und Ablenkung bei Müdigkeit, Traurigkeit, Angst.

 

Diese Tatsache verleitet leicht dazu, einem Kind etwas in den Mund zu stecken, um es zu beruhigen. Aber das ist keine Lösung. Viel wichtiger ist es (auch schon bei kleinen Babys), den Grund des Unbehagens herauszufinden. Die „Mund-Zeit“ geht jetzt ihrem Ende zu. Ihr Kind sollte jetzt Schritt für Schritt lernen, Unbehagen aller Art anders zu beheben als durch Essen oder Trinken oder sich etwas in den Mund zu stecken.
Es ist also nicht unbedingt sinnvoll, bei jedem Weinen den Schnuller oder gar eine Teeflasche anzubieten. Natürlich darf Ihr Kind, wenn es möchte, noch aus der Flasche trinken, z.B. gemütlich morgens im Bett seine Milch oder unterwegs einen erfrischenden Tee. Aber möglichst nur, wenn es Durst hat – also zum richtigen Trinken und nicht aus Langeweile, zur Beruhigung oder zum Trost. Denn die zahnschädigende Wirkung der Dauerumspülung – sogar mit Mineralwasser – ist inzwischen hinlänglich untersucht. Der Zahnschmelz wird davon massiv geschädigt.

 

Natürlich braucht ein Kleinkind ausreichend Flüssigkeit. Aber bringen Sie ihm bald bei, aus der Tasse zu trinken. Oder halten Sie die Flasche selbst. Das wird die Trinkzeit verkürzen.

 

Was könnte Ihr Kind wollen, wenn es weint? Und wie können Sie es anders beruhigen als mit Schnuller oder Fläschchen?

 

  • Vielleicht ist es ihm einfach langweilig. Es möchte beschäftigt werden oder einen interessanten Gegenstand untersuchen dürfen. Vielleicht ist ja ein spannendes Spielzeug greifbar. Ein Schlüsselbund (sehr interessant), ein leerer Geldbeutel, ein paar Wäscheklammern, einige Holzbausteine, ein paar große Mantelknöpfe in einer Schachtel wären vielleicht eine willkommene Ablenkung.
  • Natürlich könnte es auch sein, dass Ihr Kind sich einfach etwas Körperkontakt wünscht, dass es Ihre Wärme, Nähe und Sicherheit braucht. Kleine Kinder brauchen immer wieder Körperkontakt, Wärme und Zärtlichkeit. Sie sind dabei auf unsere Sensibilität angewiesen, dieses Bedürfnis zu erkennen. Größere Kinder können sich das einfach holen. Sogar meine zwölfjährige Tochter (cool drauf, lässig pubertierend, manchmal ziemlich motzig) kommt zwei- bis dreimal täglich und kuschelt in meinem Arm oder auf meinem Schoß: „Mama, jetzt nimm mich doch mal und drück’ mich ganz fest!“ Und husch ist sie wieder weg, mit zwei blauen Strähnen im Haar, Schlagjeans und bauchfreiem T-Shirt.
  • Vielleicht ist es Ihrem Kind auch zu warm oder zu kühl. Man kann hier im Großen und Ganzen vom eigenen Temperatur-Empfinden ausgehen. Aber prüfen Sie, ob es sich heiß und verschwitzt anfühlt (am Rücken oder unter dem Kopf zum Beispiel) oder eher kalte Hände und Füßchen hat.
  • Müdigkeit und Reizüberflutung könnten ein weiterer Grund für massives Unbehagen sein. Oft hilft hier schon ein Tuch, Mamis Jacke oder eine kleine Decke, die man sich einfach über den Kopf ziehen kann, um Ruhe zu haben und ein wenig einzuschlafen.
  • Wenn ihm etwas wehtut, wird Ihr Kind alle möglichen Arten des Trostes brauchen. Vielleicht tut es ihm auch gut, gestreichelt, geschaukelt, getragen, massiert zu werden und – vor allem auch weinen zu dürfen.
  • Manchmal schreien kleine Kinder für uns Erwachsene anscheinend grundlos, aber Tränen entspannen, entlasten, bauen Stress ab. Ihr Kind sollte also ruhig auch mal weinen dürfen. Schön ist es natürlich, wenn Sie dabei in seiner Nähe sind, es vielleicht sogar im Arm haben.

 

Natürlich wird Ihr Kind zum Anfang des zweiten Jahres noch keinesfalls bereit sein, ganz auf Schnuller und Flasche zu verzichten. Es muss sich langsam und, wenn es seine Zeit ist, mit Ihrer liebevollen Unterstützung, umstellen dürfen. Sie als Eltern haben die Aufgabe, Ihr Kind behutsam an andere soziale Formen der Beruhigung, des Trostes, der Ablenkung zu gewöhnen.

 

Der Schnuller ist dabei ein hilfreiches Übergangsobjekt – und zwar dann, wenn Ihr Kind einschlafen möchte oder soll, wenn es sich zurückziehen möchte, es sich wehgetan hat, ein wenig ausruhen möchte. Im normalen Kontakt, beim Spiel mit anderen Kindern oder Erwachsenen, beim Sprechen- und Laufen-Üben, sollte es den Nuckel nicht im Mund haben. Nachts im Bett allerdings brauchen viele Kinder den Schnuller noch bis ins Kindergarten- oder bis ins kleine Schulalter. Und eines Tages – es wird aus eigener Motivation sein, angeregt durch einen geschickten Zahnarzt, einen liebevollen Nikolaus oder einen coolen Freund aus dem Kindergarten – legt es ihn weg, und das Thema wird nie mehr wiederkommen. Lassen Sie ihm dazu seine Zeit. Wichtig ist es, einen sanften Übergang zur nächsten Entwicklungs-Stufe zu schaffen, ohne eine zu krasse Verabschiedung vom Sauggenuss zu verlangen.

 





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