Parodontitis kann Frühgeburten auslösen

Seit Anfang der 90er Jahre weiß die zahnmedizinische Forschung um den Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankungen (Parodontal-Erkrankung) und dem erhöhten Risiko von Frühgeburten bzw. Neugeborenen mit unterdurchschnittlichem Geburtsgewicht. Unklar war indes, wie sich eine Erkrankung des Zahnfleisches auf die Gebärmutter und das sich entwickelnde Kind auswirken kann. Denn die Gebärmutter schützt das werdende Leben erstaunlich stark gegen gefährliche Prozesse im Köper der Mutter ab. Sie entwickelt gleichsam einen "Körper im Körper". Gynäkologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von der "Plazentasperre".
Auch wenn letzte Klarheit nach wie vor nicht gegeben ist: Wissenschaftler in Europa, den USA und in Japan sind sich einig, dass mitverantwortlich für Frühgeburten und untergewichtige Neugeborene jene Stoffe sind, die von den Bakterien gebildet werden, die die Parodontal-Erkrankung auslösen. Der Parodontologe Dr. Matthias Folwaczny, Privatdozent und Oberarzt an der Universitätszahnklinik München, sagt: "Im Wesentlichen sind das so genannte Endotoxine, giftige Bestandteile der Bakterienzellen, die Zahnfleischentzündungen verursachen, und sogenannte Zytokine. Das sind wiederum Signalstoffe, die die Abwehrkräfte des Körpers, das eigene Immunsystem also, beim Kampf gegen die schädlichen Bakterien erzeugen." Diese Stoffe gelangen in den Blutkreislauf der Mutter und belasten bei entsprechender Konzentration auch die Blutversorgung der Plazenta und damit die Entwicklung des ungeborenen Kindes. Dies kann dann zu vorzeitigen Wehen und in der Folge zu Frühgeburten führen. Die Folgen für das zu früh geborene Kind sind bekannt: In der Regel deutlich verzögerte körperliche Entwicklung und erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten.
Allerdings: Die Ursachen für Frühgeburten und untergewichtige Neugeborene sind vielfältig. Allgemein bekannt ist eine ungesunde Lebensweise der Mutter wie erhöhter Alkoholgenuss und Rauchen. Weniger bekannt ist indes, dass typische Entzündungen weiblicher Geschlechtsorgane, vor allem sogenannte Vaginal-Entzündungen (bakterielle Vaginitis), wesentlichen Anteil an einem ungünstigen Verlauf der Schwangerschaft haben können. Die Verbindung zwischen sogenannten Vaginal-Entzündungen und Entzündungen des Zahnfleisches ist: In beiden Fällen entstehen die gleichen, für das ungeborene Leben schädlichen Stoffe im Immunsystem der Mutter.
Einen Durchbruch in der Forschung über den Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankung und Schwangerschaftsverlauf erbrachte der amerikanische Wissenschaftler Prof. Steven Offenbacher von der Universität Chapel Hill in North Carolina (USA). Er berichtete in einer Studie von 1996, dass Frauen, die eine Frühgeburt erlitten oder untergewichtige Kinder geboren hatten, signifikant starke Zahnfleischerkrankungen vorwiesen. Das Risiko einer Frühgeburt oder eines untergewichtigen Neugeborenen ist bei diesen Frauen fast achtmal höher als bei zahngesunden Frauen. Er wies auch erstmals einen offenkundigen Zusammenhang zwischen den giftigen bakteriellen Stoffen sowie den Abwehrprodukten des körpereigenen Immunsystems und dem ungünstigen Verlauf einer Schwangerschaft nach. Ananda P. Dasanaya, Professorin für Oral-Biologie an der Zahnklinik der University of Alabama in Birmingham (USA), bestätigte zwei Jahre später den von ihrem US-Kollegen Offenbacher beschriebenen Verdacht. Sie untersuchte 55 schwangere Frauen in einer doppelt angelegten Studie (Fall- und Kontrollgruppe). Das Ergebnis: Das Risiko einer Fehlgeburt bzw. eines untergewichtigen Neugeborenen war bei zahngesunden Müttern praktisch vernachlässigbar gegenüber Frauen mit schweren, unbehandelten Zahnfleischerkrankungen.
Eine aktuelle Studie kommt aus Japan. Das Interesse der Asiaten an der Erforschung dieses Phänomens liegt auf der Hand: Asien hat mit 18 Prozent die höchste Rate untergewichtiger Neugeborener der Welt. In Nordamerika liegt die Rate bei sieben, in Australien bei sechs und in Europa zwischen vier und zwölf (!) Prozent. Eine interdisziplinäre Forschergruppe an der Universitätsklinik Kagoshima (Japan) aus Zahnmedizinern, Gynäkologen und Molekular- und Labormedizinern um Kozue Hasegawa begleitete 2002 insgesamt 88 Frauen während ihrer Schwangerschaft. Bei 20 Prozent dieser Frauen kam es zu einer Frühgeburt bzw. der Geburt eines untergewichtigen Babys. Diese Frauen wiesen überwiegend schwere Zahnfleischerkrankungen auf und hatten in ihrem Blut einen auffallend erhöhten Anteil von Zytokinen, also körpereigenen Abwehrprodukten.
Wie aber kann sich eine Frau mit Kinderwunsch vor einem solchen Verlauf ihrer Schwangerschaft schützen?
Auch wenn mit letzter Klarheit nicht auf einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen unbehandelter Zahnfleisch-erkrankung und Geburt geschlossen werden kann – das Risiko einer fortschreitenden Zahnfleischerkrankung ist für das ungeborene Kind zu hoch. Frauen mit Kinderwunsch empfiehlt sich daher, frühzeitig den Status der Mundgesundheit überprüfen und gegebenenfalls eine vorhandene Zahnfleischentzündung (Gingivitis), erst recht aber eine Zahnbettentzündung (Parodontitis) behandeln zu lassen. Das geht aber nicht von heute auf morgen. "Die Behandlung einer Zahnfleischerkrankung kann sich je nach Stadium über etliche Monate hinziehen", weiß Oberarzt Dr. Folwaczny. Deswegen ist künftigen Müttern zu raten: Mindestens ein halbes, besser ein Jahr vor der Schwangerschaft die Gesundheit im Mund herstellen lassen.
Spätestens mit dem Feststellen der Schwangerschaft sollte routinemäßig ein Besuch beim Zahnarzt erfolgen. Liegt eine Zahnfleischerkrankung vor, kann der Zahnarzt mit geeigneten Behandlungsmethoden helfen. Wird tatsächlich eine Parodontitis festgestellt, kann diese grundsätzlich auch während der Schwangerschaft behandelt werden. Idealerweise bietet sich für eine solche Behandlung der Beginn des vierten Schwangerschaftsmonats (2. Trimenons) an.
Initiative proDente e.V. – Fakten
Fünf Verbände, die das gesamte dentale Leistungsspektrum in Deutschland repräsentieren, engagieren sich seit 1998 in der Initiative proDente e.V.
- Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK)
- Der Freie Verband der Deutschen Zahnärzte (FVDZ)
- Der Verband der Deutschen Zahntechniker-Innungen (VDZI)
- Der Verband der Deutschen Dental-Industrie (VDDI)
- Bundesverband Dentalhandel (BVD)
Warum diese Initiative?
proDente hat sich zum Ziel gesetzt, fundiertes Fachwissen aus den Bereichen Zahnmedizin und Zahntechnik zu vermitteln. Die Initiative will zur Unterstützung der Zahnärzte und Zahntechniker engagierte Aufklärung für den Patienten bieten.
proDente will den Wert gesunder und schöner Zähne darstellen. Vor allem die Aufklärungsarbeit von der Prophylaxe bis zur Prothetik steht dabei im Mittelpunkt. Für Zahnärzte und Zahntechniker präsentiert proDente ein umfangreiches Service-Angebot, um die Kommunikation mit den Patienten zu erleichtern.
Aktivitäten
proDente produziert wissenschaftlich fundiertes Informationsmaterial in verständlicher Aufmachung. Dazu zählt die Informationsbroschüre "Lust auf schöne Zähne" sowie insgesamt zehn Info-Blätter zu speziellen Gebieten der Zahnmedizin. Die Themenpalette wird regelmäßig erweitert. Im Internet ist proDente mit einem Informationsportal präsent (www.prodente.de).
Geschäftsstelle
Dirk Komorowski, Geschäftsführer Public Relations, ist Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Öffentlichkeitsarbeit von proDente. Sitz der Geschäftsstelle ist Köln.
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