Lernwille statt Leistungsdruck

Mit die beste Therapie gegen Legasthenie ist der Willen zum Erfolg. Doch der stellt sich nur ein, wenn das Kind nicht resigniert. Versagensängste, Frust, Wut und Minderwertigkeitsgefühle können aber auch helfen – wenn sie zur richtigen Zeit durch die richtigen Menschen in die richtigen Bahnen gelenkt werden.
Glänzende Aussichten
Thomas Scholl (Name von der Redaktion geändert) ist das, was mein einen erfolgreichen jungen Mann nennt: 25 Jahre alt, BWL-Examen in der Tasche, Trainee in einem großen Bankhaus. Was seine Vorgesetzten nicht wissen: Thomas Scholl war Legastheniker. Dass er „trotzdem“ auf dem Weg in eine aussichtsreichen Zukunft ist, hat er verständnisvollen Eltern und kompetenten Lehrern zu verdanken. „Thomas hatte bereits mit fünf Jahren große Schwierigkeiten, im Grunde ganz einfache Wörter richtig auszusprechen“, erklärt Christiane Scholl, Thomas Mutter. „Als er dann in die Grundschule kam, war es ganz schlimm. Er brachte es auch nach Monaten einfach nicht fertig, bestimmte Buchstaben zu erkennen und richtig zu schreiben.“ Christiane Scholl übte mit ihrem Sohn jeden Tag ein paar Stunden. Aber die Leistungen wurden nicht besser. „In allen anderen Fächer war er über dem Klassendurchschnitt“, erklärt Frau Scholl. „Glücklicherweise sprach mich seine Lehrerin auf Thomas offensichtliche Lese-Rechtschreibschwäche an. Gemeinsam haben wir einen Plan entwickelt, wie wir der Legasthenie entgegenwirken können.“
Jetzt erst recht
„Wesentlicher Punkt beim Legasthenie-Training war die völlige Befreiung vom Leistungsdruck“, erklärt Christiane Scholl. „Obwohl es mir sehr oft in der Seele weh tat – wenn Thomas nicht lernen wollte, habe ich ihn nicht gezwungen. Ich habe ihn sogar voll ins Messer laufen lassen: Er kassierte eine schlechte Beurteilung nach der anderen“. Statt ihren Sohn jetzt aber zu stundenlangem Auswendiglernen zu verdonnern, versuchte sie, ihm spielerisch zu Erfolgserlebnissen zu verhelfen. Durch reichlich illustrierte Bücher über Technik beispielsweise, ein Gebiet, das ihn sehr interessierte. Thomas Lese- und Rechtschreibfähigkeiten wurde von Jahr zu Jahr besser. Nicht durch Strafpredigten oder stoisches Auswendiglernen, sondern durch Motivation und Zuspruch. Zu seinem zehnten Geburtstag bekam er dann einen Homecomputer. „Ich sagte ihm, wenn er mit dem Computer klar käme, würde er auch in der Schule erfolgreicher werden“. Mit dem „C64“ hatte Christiane Scholl in ihrem Sohn jetzt endgültig den Ehrgeiz geweckt. Ohne Druck von außen kniete sich Thomas in Fachbücher und lernte die Programmiersprache Basic. „Ich hatte das Gefühl, Thomas wollte seinen Mitschülern beweisen, dass er doch nicht der Trottel ist, für den sie ihn lange gehalten haben“, meint Christiane Scholl. Die Beschäftigung mit dem Rechner brachte Thomas natürlich auch jede Menge Misserfolgserlebnisse. „Aber da wollte er durch, mit eisernem Willen. Wir haben ihm lediglich den Rücken freigehalten und ihn ermuntert, nicht auf halbem Weg stehen zu bleiben.“
Spielerisch zum Ziel
Dass für Thomas Scholl der Homecomputer der Schlüssel zum Sieg über die Legasthenie war, ist kein Zufall. Sita Vellguth, Logopädin und Autorin der CESAR-Lernspiele für LRS-Kinder (ein Interview mit Sita Vellguth lesen Sie hier), ist der Überzeugung, dass der Computer vier entscheidende Vorteile für den Einsatz in der Therapie von Lese-Rechtschreibstörungen bietet:
- Er hat einen sehr hohen Aufforderungscharakter; Kinder erzählen sich häufig untereinander, wann sie was am Computer gespielt haben. Sie genießen dadurch bei den anderen hohes Ansehen.
- Am Computer zeigen sich Kinder überraschend interessiert und konzentrationsbereit.
- Der Computer kann die Verarbeitung von Schrift in Kombination zu der Bedeutung setzen, d.h. zum Bild des Geschriebenen und zu seiner Lautgestalt.
- Den Computer muss man linear benutzen. Arbeitschritte in bestimmter Reihenfolge führen zum Erfolg. Die Motivation verhilft dazu, die vorher definierte Reihenfolge der Arbeitsschritte zu akzeptieren.
Vor allem bei der Kombination von Schrift und Bild sieht Sita Vellguth einen großen Vorteil. „Ich stelle immer wieder fest, dass es den Kindern um die eigentliche Bedeutung der Dinge, die sie lesen, geht. Buchstaben und Wörter als Symbole für Nichtvorhandenes reichen einem LRS-Kind selten aus. Buchstabenfolgen als schriftsprachliche Symbole für Klang- und Geräuschketten, die wiederum eine Sache oder einen Sachverhalt symbolisieren sollen, lassen die assoziative Komponente der Dinge völlig außer acht.“
von Achim Imlau
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